„Antisemitismus? Antizionismus? Israelkritik?“ - eine Ausstellung in Berlin

Mit den unterschiedlichsten Varianten antisemitischer Propaganda in der Gegenwart befasst sich eine neue Wanderausstellung, die noch bis zum 7. September in Berlin gezeigt wird. Die Ausstellung wurde vom Zentrum für Antisemitismusforschung (TU Berlin) und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) erarbeitet und war in den ersten Augustwochen bereits im Auswärtigen Amt zu sehen.

Es handelt sich um eine relativ kleine Ausstellung auf professionellen Stellwänden in modernem Ausstellungsdesign. Gegenständliche Exponate gibt es nicht. Anhand von Fotos, Flugblättern, Karikaturen, Zeitungsausschnitten und ähnlichen Dokumenten wird gezeigt, dass althergebrachte antisemitische Argumentationsmuster auch heute noch aktuell sind. Man findet sie in den verschiedensten politischen und religiösen Kontexten überall auf der Welt. Nicht nur Rechtsextreme benutzen antisemitische Parolen, sondern auch linke „Antizionisten“. Es gibt den Antisemitismus der Islamisten, der über Satellitenfernsehen und Internet international verbreitet wird. Das Internet ist auch bevorzugtes Medium von Verschwörungstheoretikern. Hier wurden z. B. absurde Behauptungen über den Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 in Umlauf gebracht, die – obwohl vielfach widerlegt – anscheinend nicht wieder aus der Welt zu schaffen sind.

Auf eines legen die Ausstellungsmacher besonderen Wert: Es ist selbstverständlich erlaubt, die israelische Politik zu kritisieren. Problematisch wird es allerdings, wenn dabei antisemitische Stereotype zur Anwendung kommen, Vergleiche (genauer: Gleichsetzungen) mit dem NS-Regime vorgenommen werden oder das Existenzrecht Israels bestritten wird. In der Ausstellung finden sich Beispiele sowohl für legitime Kritik als auch für antisemitische Propaganda.

Zweifelhaftes wird übrigens auch in seriösen Medien veröffentlicht: Eine Karikatur des bekannten britischen Cartoonisten Dave Brown zeigt Ariel Scharon beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes. Veröffentlicht wurde das Bild im Jahre 2003 in der Tageszeitung „Independent“. Da die Ausstellungsmacher keine Abdruckgenehmigung bekamen, ist es in der Ausstellung nur indirekt zu sehen: Ein Foto zeigt einen Demonstranten mit einer großformatigen Abbildung der Karikatur. So wird die Wirkungsgeschichte der Karikatur gleich mitdokumentiert. Dass dieser Cartoon in einer renommierten Tageszeitung erscheinen konnte, ist erstaunlich genug. Aber es kommt noch schlimmer: Die Karikatur wurde auch noch mit einem Preis der britischen „Political Cartoon Society“ belohnt.

Allerdings wird in der Ausstellung nicht auf die heftigen Debatten eingegangen, die folgten. Brown wehrte sich entschieden gegen den Vorwurf des Antisemitismus und erklärte, die Karikatur sei einem Gemälde Goyas nachempfunden. Nun ja. Weder diese „kunsthistorische Begründung“ noch der aktuelle Bezug des Cartoons ändern etwas daran, dass der jüdische Kindermörder ein klassisches antisemitisches Motiv ist. Wenn man die Angelegenheit wohlwollend interpretiert, verwundert zumindest das mangelnde Urteilsvermögen der Beteiligten.

Fazit: Die gelungene Ausstellung führt auf anschauliche Weise in die Thematik ein. Sie ist auch für nicht vorinformierte Besucher verständlich. Wünschenswert wäre allerdings eine Broschüre (oder Internetseite) zum Nachlesen und Vertiefen!

[b]Die Ausstellung ist noch bis zum 7. September im Hauptgebäude (Lichthof) der TU Berlin (Straße des 17. Juni 135) zu sehen. Sie ist montags bis freitags von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Am 6. September um 18 Uhr gibt es eine Finissage mit Prof. Dr. Wolfgang Benz, Prof. Dr. Barbara John und Dr. Juliane Wetzel (Raum H 1035, in der Nähe des Lichthofes). Alle Angaben sind ohne Gewähr![/b]

[u]Links:[/u]

Pressemitteilung der TU Berlin zur Ausstellung

Die Scharon-Karikatur von Dave Brown können Sie hier anschauen. Ebenda finden Sie auch das erwähnte Demonstrationsfoto sowie einen Link zum Goya-Gemälde.

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Kommentare

Danke für diesen

Danke für diesen Veranstaltungshinweis - ein spannendes und wichtiges Thema!

Hier einige Hinweise. Auf unserer Homepage "Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus

Glossar:
Antisemitismus
Z(ionist)O(ccupied)G(overnment)

Themen:
„Rock gegen ZOG“. Weltverschwörung und Antisemitismus

Externes:
Matthias Brosch / Michael Elm / Norman Geißler / Brigitta Elisa Simbürger / Oliver von Wrochem (Hrsg.): Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland. Berlin 2007. Siehe hierzu die Rezension beim Fritz Bauer Institut (pdf)

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